Der Unglücksrabe.
Er war im Ei noch lang benommen und ist als letzter angekommen. In der Behausung, ihrer Enge, ergaben sich die ersten Zwänge. Schon die Geburt ging reichlich schwer, so bekennt man hinterher; die Schale von dem Rabenei, ging erst mit letzter Kraft entzwei. Die Schale stark, der Rabe schwach, daraus ergibt sich "Weh und Ach". Eingeschüchtert fühlt er meist, sich im Rabennest verwaist. Auch kümmert sich die Rabenmutter, nicht um sein spezielles Futter. Die Geschwister waren prächtig, der jüngste Rabe aber schmächtig.
Die Geschwister fraßen Brocken und er tat tief am Nestgrund hocken. Der Rabe wurde unterdrückt und hat sich folglich oft gebückt, tat als Krepierer schon beizeiten, insofern sehr darunter leiden. Doch oft erweist sich solche Krähe, zu guter letzt noch als sehr zähe. Und es erweist sich in der Tat, dass mancher Glück im Unglück hat. Mancher, den das Glück verließ, das erweist sich überdies, tat nach Glück vergeblich streben, doch zäh geworden, lange leben. Viele leben feist im Glück, doch manchmal nur ein kurzes Stück.
Und wenn sie dann das Glück verlässt, dann bleibt von Stärke kaum ein Rest. Doch dieser Rabe, wie berichtet, hat auf diese Gunst verzichtet, tat zu Weisheit nicht gelangen und blieb im Unglück fest gefangen. Er hat nicht zu Verstand gefunden und fand sich daher ganz weit unten. Tat sich mit Vorwitz profilieren, um die Komplexe zu verlieren. Doch sei dem Vorgang unterstellt, dass man so auf die Nase fällt, dass man mit Vorsicht lernen muss, denn Vorwitz schafft noch mehr Verdruss. Die Demut, die kann keinem schaden und die ist jedem anzuraten.
So geht es dem Unglücksraben. Er wird geboren und begraben. Er hat das Federkleid bekommen und waghalsig den Ast erklommen. Sein Unglück tat ihm nicht genügen, er tat sich damit nicht begnügen. Unglück ist oft, was schon drauf pochte, bevor einer das lernen mochte. Wer sich häufig überschätzt, ist genau so oft entsetzt, durch das eigene Gebaren, was ihm hierdurch widerfahren. Wer sich unterschätzen tut, ist sehr viel besser auf der Hut, kann sich später noch entfalten und das Leben neu gestalten.
Doch dieser Rabe, wie es scheint, hat es so wohl nicht gemeint. Früh übt sich, denkt er dabei still, was ein Meister werden will. Er will den ersten Flug schon wagen, bevor ihn seine Flügel tragen. Er will sich vor den andern preisen und Überlegenheit beweisen. Die große Freiheit tut ihn locken. Schon will er an dem Nestrand hocken. Das Fliegen will er nun trainieren, um die Freiheit zu studieren. Weil die anderen laut lachen, will er sich jetzt wichtig machen. Er spreizt die Flügel, flattert munter, an dem Nestrand rauf und runter.
Da ist er aus dem Nest gefallen, um tief am Boden aufzuprallen. Er liegt am Boden nunmehr platt, ist geschockt und fühlt sich matt. Und so liegt er dort verbittert. Die Flügel sind ihm arg zerknittert, der Schwanz ist halbwegs abgeknickt, worüber er total erschrickt. Deprimiert muss er entdecken, nach freiem, ungehemmten Fall, vorerst bleibt bleibt es nur beim Schrecken, bis zum nächsten Unglücksfall. Die Frage, ob er daraus lerne, liegt ihm dabei völlig ferne. Dass seine Dummheit niemand kennt, genügt ihm als sein Argument.
Noch immer tut er ganz erschrocken, zwangsläufig am Boden hocken. Stöhnen tut er und laut ächzen und wie ein Unglücksrabe krächzen. Er räuspert sich nun, hilfesuchend, als Unglücksrabe sich verfluchend. Die Eltern, ob ihn die vermissen? Von denen fühlt er sich beschissen. Er beginnt sich ab zu zappeln, um sich mühsam auf zu rappeln. Auf eignen Beinen steht er nun, doch weiß er nicht, was soll er tun, beginnt sein Pech laut zu verfluchen und will sich einen Ausweg suchen, Da kommt ein Kater angeschlichen, um einen Braten zu erwischen.
Dem Vogel will nichts Gutes schwanen, beginnt sein Unglück schon zu ahnen. Der Kater hat den Hals gereckt und den Raben bald entdeckt. Nachdem er auf den Raben guckt, schleicht er sich an, ganz tief geduckt. Da springt auch schon mit einem Satze, zu dem Raben hin, die Katze. Der Rabe, tief zu Tod erschrocken, springt panikartig hoch vom Platz, tut auf dem Katzenbuckel hocken, ganz zufällig, bei seinem Satz. Der Kater will den Raben haschen, doch tut ihn dieses überraschen, zumal der Rabenvogel zappelt und mit großem Schnabel babbelt.
Der Vogel scheint nicht zu verderben. Auch will der Rabe noch nicht sterben und will stattdessen weiter leben. Der Kater tut den Plan aufgeben und meint, das wäre viel gescheiter, nimmt Abstand und geht lieber weiter. Wird auch der Rabe hieraus schlau? Doch der nimmt's damit nicht genau. Der Vogel, der sich so bewährte, steht selbstbewusst vor Katers Fährte. Er fühlt sich nun vor aller Welt, nicht als Vogel, mehr als Held. Er fühlt sich heldenhaft und kühl. Sein Minderwertigkeitsgefühl, das schwindet hiernach auch sehr schnell. ~ Das macht ihn wagemutig - grell.
Es schaufelt sich der dumme Rabe, zu guter letzt nun selbst sein Grabe. Der Rabe schätzt sich selbst weit über, ist Folge dessen bald hinüber. Der Rabe reißt den Schnabel auf und prahlt aus Dummheit, im Verlauf. Er will vor allen Raben glänzen, sein Leichtsinn zeigt ihm nicht die Grenzen. Es redet sich der Rabe ein, er sei ganz sicher allgemein. Er macht dabei sehr viel Spektakel und fühlt sich klug und ohne Makel. Aus seinem großen Schnabel, ertönt dabei die Heldenfabel. Wenn er aus Fehlern lernen tät', wär es vielleicht noch nicht zu spät.
Es kommt nunmehr der Todesbote. Das ist der Fuchs, auf leiser Pfote. Der Fuchs hat irgendwo gehockt. Vom lauten Rabenlärm gelockt, durch das, was dieser all berichtet, hat er den Raben schnell gesichtet. Der glaubt, er kann den Fuchs erschrecken; doch dieser tut sich schon belecken, Der Fuchs, schon ärgeres verrichtet, fühlt sich als Räuber sehr verpflichtet. Es kann der Rabe nicht mal fliegen, der hätte besser still geschwiegen. Hätt' er den Schnabel still gehalten, könnt er sein Leben noch gestalten, dann wäre er vielleicht entwichen, dann wär der Fuchs vorbei geschlichen.
Der Unglücksrabe, dieser Narr, ist. bald steif und todesstarr. Er dient dem Fuchs beim Abendrot, nur noch als das Abendbrot. Die Geschichte will beweisen, dass manche sich ums Unglück reißen, dass mancher Narr sein Dasein kürzt und sich selbst. ins Unglück stürzt.
H. Feisel
Deine Gedichte sind sehr kreativ und außergewöhnlich. Sie gefallen mir sehr gut.
Kommentiert von: Schüttguttechnik | 19. Februar 10 um 16:20 Uhr